Bonus Kapitel: Was uns glücklich macht (und wie wir uns diesbezüglich oftmals täuschen)

Das folgende Kapitel hat es aus Platzgründen nicht ins Buch geschafft. Ich will es aber nicht ganz umsonst geschrieben haben, und veröffentliche es daher auf diesem Wege:

 

Kapitel 12: Was uns glücklich macht (und wie wir uns diesbezüglich oftmals täuschen)

Würden Sie Ihren Beruf weiter ausüben, wenn Sie fünf Millionen im Lotto gewinnen würden? Würden Sie Ihr Leben ändern? Würden Sie dann ein glücklicheres Leben führen? Und wie lange, glauben Sie, würde die Freude über einen solchen Lottogewinn anhalten? Gewiss, das alles ist schwer zu sagen, denn es handelt sich jedenfalls für die meisten von uns um ein sehr außergewöhnliches Ereignis. Darüber hinaus sind wir alle ganz generell nicht besonders gut darin, Vorhersagen über unsere angenommen Gefühlslagen nach hypothetischen Ereignissen zu treffen, selbst wenn es um deutlich weniger außergewöhnliche Dinge geht als um einen Lottogewinn. Und doch machen wir alle solche Vorhersagen sehr, sehr häufig. Viele unserer Entscheidungen treffen wir nämlich in einer bestimmten Weise, weil wir glauben, dass ihre Konsequenzen unser Gefühlsleben positiv beeinflussen. Einmal Hand aufs Herz bitte: Wie viel Geld haben Sie bei Ihrem letzten Autokauf ausgegeben? Und hätten Sie weniger ausgeben können, wenn es Ihnen allein um die Transportmöglichkeit, die Sie vielleicht wirklich tatsächlich brauchen, gegangen wäre? Höchstwahrscheinlich lautet Ihre Antwort ja. Wenn es beim Autokauf allein um die Fortbewegungsmöglichkeit ginge, wären ziemlich günstige Modelle verfügbar, deren Preis sicherlich weit unter dem Durchschnittswert von Autos liegt. Warum also geben wir mehr Geld aus? Weil wir eben glauben, die zusätzlich bezahlten Eigenschaften unseres neuen Autos (seine höhere PS-Zahl, seine Ausstattung), täten uns gut. Wir nehmen an, dass es uns wenigsten ein klein wenig glücklicher macht, mit diesem schönen Wagen unterwegs zu sein. Und das ist sicherlich auch so, wenn wir das schicke Auto gerade eben erst gekauft haben. Jede Fahrt ein kleiner Glücksmoment. Aber wie lange hält dieses Glück an? Zahlt sich die Mehrausgabe längerfristig in einem Zuwachs an Lebenszufriedenheit aus? Es tut mir leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass dieses jedenfalls im Allgemeinen leider ganz und gar nicht der Fall ist. Tatsächlich ist hingegen gut belegt, dass die Notwendigkeit pendeln zu müssen einer der abträglichsten Faktoren für das allgemeine Wohlbefinden ist. Autofahren macht auf lange Sicht ganz sicher nicht glücklich – auch nicht auf Ledersitzen.

Und ob Sie es nun glauben, oder nicht: Was für den Autokauf gilt, das gilt tatsächlich auch für den Lottogewinn. Ohne Frage sind die Gewinner einer beträchtlichen Summe kurzfristig sehr glücklich: Endlich haben sie einmal so richtig Glück im Leben gehabt, jetzt wird alles anders, meinen sie. Wird es aber nicht. Studien zeigen, dass langfristig gesehen Lottogewinner nicht mehr und auch nicht weniger glücklich mit ihrem Leben sind, als Otto Normalbürger. Zumindest innerhalb von Gesellschaften gilt sogar ganz allgemein, dass die wirklich Reichen zwar etwas, aber doch nicht wirklich nicht viel glücklicher sind, als die meisten von uns, deren materielle Grundbedürfnisse befriedigt sind, ohne dass sie sich jedoch als reich bezeichnen würden. Dieser Umstand hat verschiedene Gründe, die zu beleuchten ein eigenes Kapitel erfordern würde. Einer von ihnen besteht in dem, was Sozialwissenschaftler als hedonische Tretmühle bezeichnen: Je mehr Geld man hat, desto höher steigen auch die eigenen materiellen Ansprüche. Wirklich zufriedener wird man daher nicht, wenn der eigene Wohlstand wächst.

Das klingt frustrierend für Sie? Oh nein! Das ist – wieder einmal – sehr adaptiv. Denn was für die positiven Ausschläge nach oben gilt, das gilt auch für negative Schicksalsschläge. Stellen Sie sich auch dazu bitte einmal eine hypothetische Situation vor: Wie würde sich ihr allgemeines Wohlbefinden verändern, wenn Sie zum Beispiel durch einen Unfall eine Querschnittslähmung erfahren würden? Die meisten von uns nehmen an, dass diese körperliche Beeinträchtigung auch mit einer erheblichen Beeinträchtigung unserer Lebenszufriedenheit einhergehen würde. Und das tut sie auch – kurzfristig. Ja, es ist fraglos schwierig, sich mit dieser neuen Situation und den damit verbundenen Einschränkungen abzufinden, es ist wahrhaftig ein Schicksalsschlag. Aber, und das ist eine wirklich gute Botschaft – langfristig gesehen sind querschnittsgelähmte Menschen keineswegs weniger glücklich als Nicht-Gelähmte. Ob Lottogewinner, Otto Normalo oder Querschnittsgelähmter: Im Durchschnitt und auf lange Sicht sind alle gleichermaßen zufrieden.

 

Von zweifelhaften Glücksversprechen

Die beiden Glücksforscher Daniel Gilbert und Timothy Wilson beschäftigen sich seit vielen Jahren mit unserem Streben nach Glück und unserem Unvermögen, zukünftige Gefühle korrekt einzuschätzen. In einer berühmt gewordenen Studie, baten die beiden Studierende, die noch nie das Ende einer Liebesbeziehung erlebt hatten (nennen wir sie Glückpilze), sich vorzustellen, was es für ihre allgemeine Lebenszufriedenheit bedeuten würden, wenn sie einmal von einem Partner oder einer Partnerin verlassen würden. Dabei sollten sich die Befragten vorstellen, die Trennung liege bereits ein paar Monate zurück. Außerdem sollten die Studienteilnehmer angeben, wie zufrieden sie selbst gegenwärtig mit ihrem Leben insgesamt waren. Es wundert vielleicht nicht, dass die Urteilenden vorhersagten, nach dem Ende der Liebesbeziehung deutlich weniger glücklich zu sein, als sie es selbst gegenwärtig waren. So weit, so simpel. Der Witz der Studie aber war, dass die Vorhersagen der Glückpilze über die Lebenszufriedenheit nach dem Beziehungsende mit den Urteilen von Personen verglichen wurden, die genau das erlebt hatten (nennen wir sie die Verlassenen). Und hier zeigte sich nun, dass die Verlassenen kein bisschen weniger glücklich mit ihrem Leben insgesamt waren, als die Glückspilze. Sicher war das Verlassenwerden keine schöne Erfahrung, aber bereits wenige Monate später spielte diese für ihre allgemeine Lebenszufriedenheit keine Rolle – egal wie tief und leidenschaftlich die Liebe zuvor auch gewesen sein mochte!

Die allgemeine Botschaft dieser Befunde lautet: Wir überschätzen das Ausmaß und die Dauer, in der unser allgemeines Befinden von positive Ereignisse in der Zukunft profitiert und von negativen Ereignisse beeinträchtigt wird. Anders ausgedrückt: Wir gewöhnen uns an (fast) alles. Nochmals: Das ist eine wirklich gute Botschaft, denn sie bedeutet, dass wir auch mit (fast) allem Negativen gut fertig werden. Ja, die Botschaft ist sogar noch weitergehender. Unser psychischer Apparat ist ganz grundsätzlich in den allermeisten Fällen nur für solche Dinge sensibel, die sich ändern. Alles was dauerhaft bleibt, wird nicht mehr wirklich wahrgenommen. Sie kennen das alle: Sicherlich sind Sie schon einmal in einen gut gefüllten Raum getreten, in dem schlechte Luft herrschte, und Sie konnten kaum fassen, dass niemand der Insassen den Gestank bemerkte und einfach ein Fenster öffnete. Das liegt natürlich daran, dass die Luft in dem Raum eben nur ganz langsam schlechter wird, und unsere Sinne diese graduelle Veränderung gar nicht wahrnehmen. Oder denken Sie einmal an einen Abend in einer Kneipe, in der Sie einem Freund oder einer Freundin gegenüber saßen, der oder die Ihnen etwas ganz persönlich Bedeutsames erzählte. Leider war in der Kneipe auch ein Fernseher an einer Wand aufgehängt und es lief irgendeine Sportveranstaltung. Obschon Sie natürlich Ihrem Gesprächspartner die volle Aufmerksamkeit schenken wollten, dürfte es Ihnen schwer gefallen sein, nicht doch immer wieder auf diesen dusseligen Bildschirm zu linsen, so als würde Sie der Sport mehr interessieren als Ihr Gegenüber. Das liegt schlicht daran, dass ein Fernsehbild sich eben ständig verändert und diese Dynamik erfordert von uns immer neue Orientierungsreaktionen: Wir müssen einfach hinschauen. Diese Tendenz hat vermutlich evolutionäre Grundlagen, denn in der Regel geht Gefahr eher von dynamischen, als von gleichbleibenden Dingen aus. Solange ein potentieller Angreifer bleibt, wo er ist, ohne sich zu bewegen, ist er nicht wirklich gefährlich. Wenn er sich aber nähert, heißt es: „Aufgemerkt!“

Für die nach Glück Strebenden unter uns hat diese Tatsache wichtige Bedeutung. Es gibt viele Zeitgenossen, deren Glücksvorstelllung darin besteht, im Wesentlichen nichts zu tun. Oftmals ist diese Vorstellung auch mit der Aufgabe der eigenen Berufstätigkeit verbunden, die nicht ohne Grund Ruhestand genannt wird: Endlich die Mühle des Alltags verlassen, die Füße hochlegen, und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Diese Glücksvorstellung ist allerdings trügerisch, denn wer nichts macht, hat auch keine gute Grundlage, um sich gut zu fühlen. Er gewöhnt sich ans Nichtstun und verödet. Und dies führt uns zu einem zweiten Grund dafür, dass die Superreichen nicht so viel glücklicher sind als die Mittelschichtsangehörigen, obschon sie mit ihrem vielen Geld viele Dinge tun könnten, die einen nachweislich glücklich machen: Sie tun oftmals die falschen Dinge. Auf einer teuren Jacht zu liegen und zu „chillen“, ist eben genau das: teuer. Es macht aber nicht glücklich. Viel zielführender ist es hingegen, in seinem Leben ganz bewusst Veränderungen zu schaffen. Sich ganz bewusst neuen und unbekannten Situationen und Erfahrungen auszusetzten, ist die wesentlich erfolgversprechendere Glücksstrategie, auch wenn es sich dabei zunächst um Herausforderungen handelt.

Und keine Angst: Selbst negative Erfahrungen können langfristig positive Konsequenzen für die Lebenszufriedenheit haben. Dieser Umstand wurde schon 1985 in einer Reihe von Studien der Sozialpsychologen Fritz Strack, Norbert Schwarz und Elisabeth Gschneidinger eindrucksvoll gezeigt. Unter dem Vorwand, es gehe darum, Materialien für eine zukünftige Untersuchung zu entwickeln, baten die Wissenschaftler die Versuchspersonen zunächst entweder drei positive oder aber drei negative Ereignisse aus ihrem eigenen Leben zu benennen und kurz zu beschreiben. Sodann sollten die Teilnehmer einige Fragen zu ihrem Leben beantworten, und darunter auch ihre allgemeine Lebenszufriedenheit einschätzen. Zusätzlich aber variierten die Autoren den Zeitrahmen: Manche Personen sollten über (positive oder negative) Ereignisse nachdenken, die sie erst kürzlich erlebt hatten, andere Personen sollten über Ereignisse nachdenken, die bereits eine ganze Weile zurücklagen. Die Autoren vermuteten und fanden, dass das Nachdenken über drei positive Ereignisse die allgemeine Lebenszufriedenheit im Vergleich zur Negativbedingung ansteigen ließ. Dieser Befund an sich ist schon interessant, weil er zeigt, dass unser allgemeines Lebensglück in einer bestimmten Situation offenbar sehr stark von denjenigen Aspekten unseres Lebens beeinflusst wird, die uns gerade zu dem Zeitpunkt, da wir das eigene Lebensglück beurteilen sollen, im Kopf sind – warum auch immer. Allerdings fand sich dieser Befund nur dann, wenn die Versuchspersonen über erst unlängst Erlebtes nachgedacht hatten. Wenn die erinnerten Lebensereignisse schon länger zurücklagen, fand sich hingegen der gegenteilige Effekte: Hier führte das Nachdenken über negativ Erlebtes zu einer Zunahme des allgemeinen Lebensglücks im Vergleich zum Nachdenken über positive Ereignisse! Der Befund erstaunt Sie? Nun, er ist darauf zurückzuführen, dass länger zurückliegende Ereignisse nicht mehr als repräsentativ für die eigene, gegenwärtige Lebenssituation angesehen werden. Stattdessen wird das momentane Leben mit der erinnerten damaligen Situation verglichen. Und wenn man nun über drei länger zurückliegende, negative Ereignisse nachgedacht hat, dann erscheint einem das gegenwärtige Leben im Vergleich zu der Misere von vor einiger Zeit doch ziemlich positiv. Umgekehrt: Hat man über drei sehr schöne Ereignisse nachgedacht, die aber leider nun schon lange her sind, dann erscheint einem das momentane Leben vergleichsweise öde. Anders ausgedrückt: Das eine oder andere Missgeschick hin und wieder ist kurzfristig ohne Frage schlecht für die Lebenszufriedenheit, aber langfristig lässt es auch eine relativ mittelmäßige eigene Situation als ziemlich gut erscheinen. Mit diesem Wissen lässt es sich gelegentliche Kalamitäten doch schon etwas leichter nehmen, oder?

 

Das Glück ist ein balancierter Zustand

Die Glücksforschung hat gegenwärtig große Konjunktur. Gerade in den letzten Jahren ist die Anzahl von sozialwissenschaftlichen Publikationen zu Faktoren, die das Lebensglück beeinflussen, geradezu sprunghaft angestiegen. Zahlreiche dieser Befunde lassen sich jedoch besser verstehen, wenn man eine evolutionäre Perspektive anlegt. Natürlich macht es Sinn anzunehmen, dass die Befriedigung von Bedürfnissen das Glück befördert, während ungestillte Bedürfnisse mit Glückseinbußen einhergehen. Weil das so ist, und weil wir alle natürlich auch materielle Bedürfnisse haben, ist Geld nicht gänzlich unbedeutend. Vor allem in ärmeren Gesellschaften, in denen die materiellen Grundbedürfnisse oftmals nicht erfüllt sind, bedeutet Wohlstand auch größere Lebenszufriedenheit. Da die rein materiellen, wirklichen Grundbedürfnisse jedoch relativ gering sind, trifft der alte Satz, wonach Geld allein nicht glücklich macht, durchaus zu.

Wir haben aber psychologische Grundbedürfnisse, und auch deren Befriedigung ist wichtig für das Wohlbefinden. Die amerikanische Sozial- und Gesundheitspsychologin Vicki Helgeson von der Carnegie Mellon University hat sich seit vielen Jahren mit diesen Grundbedürfnissen beschäftigt und greift dabei eine Unterscheidung auf, die schon in den 1960er Jahren durch David Bakan in die Psychologie eingeführt wurde. Die Evolution, so die Annahme, hat zwei wesentliche Grundmodalitäten unserer Existenz hervorgebracht. Einerseits gibt es sogenannte agentische Motive. Diese sind vor allem auf die Verwirklichung eigener Absichten gerichtet, und erfordern Durchsetzungsfähig, Kontrollbedürfnisse, und das Streben nach Dominanz. Hiervon können kommunale Aspekte unterschieden werden, die eher auf Kooperation mit anderen, auf die Berücksichtigung der Interessen anderer Personen und auf die Erhaltung harmonischer Beziehungen gerichtet ist. Beide Bestrebungen haben vermutlich evolutionäre Vorteile bedeutet. Wer sich selbst nicht durchsetzten kann, wird schlechte Karten haben, seine Gene weiterzugeben. Umgekehrt braucht die Bedeutung von Kooperationsbereitschaft für das Überleben an dieser Stelle nicht erneut erwähnt zu werden. Vicky Helgeson postulierte nun, dass es für ein optimales Level an allgemeiner Lebenszufriedenheit wichtig ist, dass beide Grundmotive befriedigt, aber auch in ein balanciertes Verhältnis zu einander gebracht werden. Das Problem besteht aber darin, diese rechte Balance zu finden, denn wenn man es mit dem einen Motiv übertreibt, verhindert dies die Befriedigung des anderen. Wer zu sehr agentisch handelt und lediglich die eigenen Ziele verfolgt, der wird in Einsamkeit enden, weil sich alle anderen von ihm abwenden; seine kommunalen Bedürfnisse bleiben unbefriedigt. Wer jedoch stets nur nach den Bedürfnissen anderer fragt und sich allein kommunal orientiert, dessen psychische Belastbarkeit wird auf Dauer überfordert, er wird die (agentische) Kontrolle über das eigene Leben verlieren.

Mit dieser Unterscheidung im Hinterkopf lassen sich zahlreiche Befunde der Glücksforschung besser verstehen. Denken Sie einmal an Stress. Sicherlich werden Sie an anderer Stelle einmal über die extrem negativen Gesundheitskonsequenzen von empfundenem Stress gelesen haben – sie sind wirklich dramatisch. Vielleicht haben Sie aber auch schon einmal den Begriff „Eustress“ gehört. Hierunter versteht man die Konfrontation mit großen Aufgaben, die von der betreffenden Person jedoch als positiv erlebt wird. Der wesentliche Unterschied zwischen positivem Eustress und negativem Stress (der auch Disstress genannt wird) ist das Maß an empfundener Kontrolle. Wer die Kontrolle behalten kann, erlebt sich selbst als agentisch – und dies ist positiv. Erleben Menschen jedoch den Verlust von Kontrolle, so führt dies nicht nur zu Disstress, sondern langfristig auch zur Entwicklung zahlreicher Erkrankungen, darunter auch das Burnout-Syndrom und die Depression. Viele Therapien zur Erhöhung der Stressresistenz, sind daher darauf gerichtet, der betroffenen Person das Gefühl von Kontrolle wieder zurückzugeben.

An dieser Stelle muss ich erwähnen, dass ein weiterer Glücksfaktor körperliche Betätigung ist. Der amerikanischen Psychologe David Meyers hat vor einigen Jahren ein Buch unter dem Titel „The Pursuit of happiness: Who is happy and why?“ geschrieben und aus den darin zusammengefassten empirischen Befunden der Glücksforschung zehn Empfehlungen abgeleitet (die Sie finden, wenn Sie die unten aufgeführten Tipps zum Weiterklicken verfolgen). Eine seiner Empfehlungen lautet „Join the movement movement“ – in den 70ern sagte man bei uns: Trimm Dich! Einer der wesentlichsten Gründe für den Glücksvorteil durch Sport besteht darin, dass das bei Stress produzierte Hormon Cortisol, dessen Langzeitfolgen für körperliche und seelische Gesundheit dramatisch sind, schon durch ein wenig Sport schnell abgebaut werden kann. Schon Loriot wusste: „Ich will einfach nur hier sitzen!“ ist kein gutes Glücksrezept.

Im letzten Kapitel hatte ich bereits die Welt-Werte-Umfrage kurz erwähnt. Diese Umfrage, die mittlerweile in 97 Ländern durchgeführt wird, enthält auch die Frage nach der allgemeinen Lebenszufriedenheit. Weiterhin werden die Befragten gebeten, das Ausmaß an empfundener Kontrolle über ihr eigenes Leben einzuschätzen. Die Antworten auf beide Fragen korrelieren bedeutsam fast überall auf der Welt. Das Gefühl von Kontrolle ist wichtig für die Lebenszufriedenheit, Kontrollverlust jedoch abträglich.

 

Glück kommt selten allein (Eckhart von Hirschhausen)

Jedoch neben dem agentischen Motiv gibt es eben auch das kommunale. Nun ist in diesem Buch an unzähligen Stellen deutlich geworden, dass wir Menschen in sehr profunder und vielfältiger Weise soziale Wesen sind. Und so wundert es sicher nicht, dass einer der wichtigsten psychologischen Faktoren für das Glücklichsein stabile soziale Beziehungen sind. Das allgemeine Lebensglück von verheirateten Menschen ist deutlich größer als das von allein Lebenden, wie repräsentative Umfragen immer wieder zeigen. Umgekehrt sind Personen, die allein leben deutlich anfälliger für die Herausbildung von Depressionen – und diese genannten Unterschiede sind wirklich enorm groß. Entsprechend empfiehlt auch David Meyers: Give priority to close relationships! Pflegen Sie Ihre Freundschaften! Diesen Rat geben übrigens auch wiederum viele Therapeuten, wenn ihre Klienten an der Überforderung durch ihre Aufgaben leiden: Seien Sie aktiv darin, soziale Unterstützung aufzusuchen und zu erbitten. Geteiltes Leid hat bekanntlich den Divisor 2.

Und hier muss ich nun noch einmal auf das Thema des letzten Kapitels zurückkommen: Religiosität. Ich hatte dort bereits erwähnt, dass zahlreiche Studien zeigen, dass religiöse Menschen im Allgemeinen glücklicher sind als nicht-religiöse. Dieser Befund ist tatsächlich in sehr vielen, sehr unterschiedlichen Studien immer wieder gezeigt worden. Worauf dieser positive Effekt von religiösem Glauben allerdings zurückzuführen ist, ist weniger klar. Sicherlich trägt Religiosität zur Sinnstiftung bei – sie bewahrt uns davor, das Leben als sinnlos zu empfinden. Darüber hinaus gibt sie uns die Möglichkeit, auch in den negativen Lebensereignissen langfristig Hoffnung zu sehen, wenn wir sie als Prüfung Gottes interpretieren. Beispielsweise lautet die vierte Seligpreisung der Bergpredigt ja: „Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden.“ Aber ein weiterer wichtiger Faktor scheint die Eingebundenheit in eine religiöse Gemeinschaft, und die Erfahrung von Zuwendung durch andere Gemeindemitglieder zu sein. So finden Studien immer wieder, dass es nicht der Gottesglaube an sich ist, der Menschen glücklicher macht, sondern vor allem der praktizierte Glaube, also die Einbindung in ein Gemeindeleben, der regelmäßige Kirchgang. Praktizierter Glaube ist eine Weise, unsere kommunalen Bedürfnisse in der Gemeinschaft zu befriedigen.

Dass unser Lebensglück so massiv von unseren sozialen Beziehungen beeinflusst wird, mag man für wenig überraschend halten – trotzdem ist es wahr. Ein anderer in diesem Zusammenhang erwähnenswerter Befund mag Sie vielleicht mehr überraschen. Kinder zu haben macht nicht glücklich. So ist es leider. Zwar würden viele von uns, die eigene Kinder haben, sofort sagen, dass diese ihr größtes Glück sind, aber allgemeine Umfragen finden einen solchen Zuwachs an Lebensglück durch das Elternsein nicht. Stattdessen zeigen einige Befunde das genaue Gegenteil! Natürlich weiß, wer Kinder hat, wie schön das sein kann. Wenn wir mit ihnen, wie zu unserer eigenen Kindheit, selbstvergessen spielen, wenn Sie uns umarmen und sagen, wie lieb sie uns haben, dann tut das sehr, sehr gut. Der Wahrheit geschuldet muss ich jedoch ebenfalls erwähnen, dass diese positiven Gipfel des Glücksgefühls nur erklommen werden können, wenn so manches Befindlichkeitstal geduldig durchschritten wird. Und welche Eltern wären nicht gelegentlich am Rande ihrer Geduld? Wer zudem mehrere Kinder hat, der weiß, dass sie, wenn es darauf ankommt, auch um die Fragen wie, wer auf welcher Seite aus dem Auto austeigen darf, oder wieviele Treppenstufen man mit einem Schritt bewältigen muss, erbitterte Streits führen können (und nur um dies klar zu machen: diese Beispiele sind nicht erfunden!). Und wenn man diese Phase hinter sich hat, steht die Pubertät vor der Tür – muss ich mehr sagen? Unter den Tipps zum Weiterlesen und Weiterklicken finden Sie den Link zu einem Vortrag des bereits erwähnten Glücksforschers Dan Gilbert, der diese Zusammenhänge wie ich finde brilliant beleuchtet!

 

Wat dem een sin Uhl, is dem andern sin Nachtigall

Wieder einmal ist es an der Zeit, die beiden in diesem Buch behandelten Perspektiven zusammenzubringen, um so hoffentlich die Grundlagen unseres Erlebens und Verhaltens besser verstehen zu können. Wenn es denn so ist, dass die Dualität agentischer und kommunaler Bedürfnisse Ergebnis der Evolution ist, weil beide uns zu Verhaltensweise bringen, die einen Selektionsvorteil darstellen, dann sollten sie auch überall auf der Welt Gültigkeit haben. Wie hatten ja schon gesehen, dass die Welt-Werte-Umfrage zeigt, dass empfundene Kontrolle über das Leben universell, über die Kulturen hinweg das Glück befördert. Beziehungen tun dies auch – überall. Wenn aber andererseits Kultur doch einen so gravierenden Einfluss auf unser Denken, Fühlen und Handeln hat, wie wir dies ebenfalls an zahlreichen Beispielen gesehen haben, dann sollte sich diese Einfluss auch in Bezug auf die Lebenszufriedenheit zeigen. Und beides stimmt.

Der Spruch, der die Überschrift zu diesem Unterkapitel gibt, hat übrigens mehr mit dem Verständnis von Glück zu tun, als man auf den ersten Blick meint. Er geht nämlich darauf zurück, dass die Eule seit alters her ein Sinnbild für das Unglück ist. Als Vogel der Nacht wird sie mit allem dunklen, unheimlichen assoziiert. Die Nachtigall hingegen hat einen Gesang, der uns eigentlich stark berührt und sie wird daher immer schon als Sinnbild alles Guten und Schönen, oder kurz als Glücksbote angesehen. Und es ist durchaus etwas Wahres an der Einsicht, dass auch Glück zum Teil im Auge des Betrachters liegt und dieselben Dinge von verschiedenen Menschen unterschiedlich gesehen werden.

Wenn Sie sich noch einmal die Unterscheidung der independenten und interdependenten Selbstsicht vor Augen führen, dann wird schnell deutlich, dass sie systematisch auf agentische und kommunale Bedürfnisse bezogen ist. Es liegt dann nahe zu vermuten, dass Personen mit eher independentem Selbstkonzept ihre Lebenszufriedenheit in relativ stärkerem Maße aus agentischen Aspekten beziehen, Personen mit interdependentem Selbst aber aus kommunalen. Genau diese Annahme findet empirische Bestätigung.

In einem Aufsatz aus dem Jahr 2010 beschreiben Shinobu Kitayama und Kollegen eine Studie, für die sie Amerikaner und Japaner zum einen baten, ihre allgemeine Lebenszufriedenheit und ihre körperliche Gesundheit einzuschätzen. Aus diesen Angaben wurde ein Glücksindex gebildet. Zum anderen wurde von Befragten das wahrgenommene Maß an Kontrolle über das eigene Leben in sieben unterschiedlichen Lebensbereichen (z.B. auf der Arbeit, in der Familie, was die Finanzen angeht, usw.) erfasst, sowie die Zufriedenheit mit verschiedenen Sozialbeziehungen (mit Freunden und mit der Familie). Die Befunde zeigen zweierlei. Sowohl Kontrolle, als auch Beziehungsharmonie zeigen in beiden Kulturgruppen einen positiven Zusammenhang mit dem Glücksindex. Aber zugleich gilt auch, der Zusammenhang zwischen Glück und empfundener Kontrolle ist für die Amerikaner größer als für die Japaner. Umgekehrt jedoch ist die Beziehungsharmonie ein wichtigerer Prädiktor des Glücks für die japanischen Befragten als sie es für die Amerikaner ist.

Diese Unterschiedliche Gewichtung agentischer und kommunaler Aspekte des eigenen Lebens hat auch noch weitere Konsequenzen. So ist es ein (aus Studien mit westlichen Personen) gut replizierter Befund, dass die absichtliche und dauerhafte Unterdrückung negativer Emotionen wie Ärger langfristig sehr abträglich für das Lebensglück. Wer seinen Ärger immer wieder in sich hinein frisst, dem geht es auf Dauer schlecht – er entwickelt psychische Krankheiten. Auch hier lautet der Rat der Therapeuten: Machen Sie Ihrem Ärger Luft! Lernen Sie, Ihre negativen Emotionen zu äußern. Der Rat stimmt auch – allerdings stärker für Personen mit independentem Selbst. In einer 2011 erschienen, kulturvergleichenden Studie untersuchten Rebecca Cheung und Irene Park den Zusammenhang von Ärgerunterdrückung und der Neigung zu Depressionen. Sie fanden, dass dieser Zusammenhang bei amerikanischen Personen deutlich stärker ausgeprägt ist, als bei Asiaten. In einer anderen Studie von Bonnie Le und Emily Impett aus dem Jahr 2013 fand sich, dass das Zurückhalten negativer Emotionen bei Personen mit interdependentem Selbst sogar positive Konsequenzen für das allgemeine Wohlbefinden hat. Ich denke, diese Befunde sind auch für Psychotherapeuten, die es mit Klienten aus unterschiedlichen Kulturen zu tun haben relevant.

Und in diese Kategorie von Relevanz fällt schließlich auch der letzte Befund, vom dem ich Ihnen erzählen will. Ich hatte bereits erwähnt, dass die eigenen sozialen Netzwerke zu aktivieren ein Rat ist, den viele Therapeuten ihren Klienten zur Stressbewältigung geben, und wie wir oben gesehen tun sie dies wohlbegründet. Heejung Kim, David Sherman und Shelly Taylor gingen für einen 2008 erschienen Artikel der Frage nach, ob es auch hier Kulturunterschiede gibt. Wer, glauben Sie, ist bei Stress eher gewillt, Rat und Hilfe bei Freunden und Nahestehenden zu suchen: Amerikaner oder Asiaten? Man könnte meinen, dass die ach so interdependenten Asiaten dies vielleicht stärker tun, während der prototypische, amerikanische Malboro-Mann vielleicht die Dinge eher mit sich selbst ausmacht. Wenn Sie dies getippt habe, muss ich Sie enttäuschen. Sie liegen falsch: Es sind gerade die Asiaten, die sich nicht trauen, mit ihren „Problemchen“ und ihrem Unwohlsein andere zu belasten.

Der in diesem Kapitel dargelegte kleine, und natürlich auch sehr selektive Überblick über die Glücksforschung sollte zeigen, dass unser Leben von der Dualität (mindestens) zweier Grundmotive gekennzeichnet ist. Agentische und kommunale Bedürfnisse zu befriedigen verspricht Glück. Da die beiden aber andererseits einander in gewisser Hinsicht entgegenstehen, besteht die große Kunst des Glücks darin, die rechte Balance zwischen ihnen zu finden, so wie Vicky Helgeson es postulierte. Und was genau als rechte Balance gesehen wird, wird auch vom kulturellen Hintergrund beeinflusst. Dichter werden so genannt, weil sie komplexe Sachverhalte in wenigen Worten zu verdichten im Stande sind. Für mich ist vieles von dem, was ich hier lang und breit beschrieben habe, in einer der schönsten Zeilen des türkisches Dichter Nâzım Hikmet verdichtet, die er schon vor vielen Jahren geschrieben hat: „Leben – einzeln und frei wie ein Baum und dabei brüderlich wie ein Wald, diese Sehnsucht ist unser.“

 

Tipps zum Weiterlesen und Weiterklicken:

Die Teilüberschrift „Glück kommt selten allein“ habe ich von Eckart von Hirschhauen geborgt, der in seinem Buch mit demselben Titel sehr viele psychologische Befunde auf äußerst unterhaltsame Weise zusammenfasst. Sie finden es hier:

http://www.amazon.de/Gl%C3%BCck-selten-allein-Eckart-Hirschhausen/dp/3499624842/ref=sr_1_2?ie=UTF8&qid=1413294672&sr=8-2&keywords=Gl%C3%BCck

Hier finden Sie die zehn Empfehlungen zum Glück von David Meyers:

http://www.davidmyers.org/Brix?pageID=46

 

Ein Vortrag des Havard Professors Gan Gilbert, indem er auch ausführlich über den Einfluss von Kindern auf das allgemeine Lebensglück analysiert, findet sich hier:

http://www.youtube.com/watch?v=BwQFSc9mHyA

Oder schauen Sie sich einmal diesen, ebenfalls sehr empfehlenswerten TED-Vortrag von Dan Gilbert an: